Lina Streeruwitz
„Wir brauchen einen Neuanfang der Baukultur“
Was ist Deine persönliche Motivation, etwas zu tun?
Ich habe gemerkt, dass ich viele Dinge, die ich früher genossen habe – vor allem die Begegnungen mit der Natur – heute mit dem Gefühl eines bevorstehenden Verlustes betrachte. Beruflich habe ich als Architektin einen großen Hebel in der Hand, wenn es um die Reduktion von CO2-Emissionen geht. In der Praxis ist es aber so, dass viele unserer Projekte mit guten Intentionen beginnen, wir diese aber nicht zu Ende bringen können. Alle wissen, was das Problem ist, und alle haben ein schlechtes Gewissen. Ich wünsche mir, dass wir Klartext reden, Wissen sammeln, und alle an einem Strang ziehen.
Was nimmst Du dir konkret vor - im Rahmen der eigenen Tätigkeit - um Klimaneutralität anzustreben?
Handeln, kommunizieren, handlungsfähig bleiben und dadurch die Freude an der Arbeit behalten. Denn auch wenn wir heute mehr über das Nicht-Bauen reden, geht es nicht um Verzicht, sondern um eine Bereicherung. Wir müssen reflektieren, wie wir mit Umbau und Neubau umgehen. Wir brauchen mehr Sorgfalt und Handwerksqualität: Mehr Handgriffe, weniger Ressourcen. Da ergeben sich neue Gestaltungsmöglichkeiten. Wir brauchen einen Neuanfang der Baukultur, und da bin ich optimistisch.
Wie willst Du das konkret umsetzen?
Der gemeinsame Austausch ist enorm hilfreich und hat bereits begonnen. Wir haben eine Selbsthilfegruppe zum Thema Ökobilanzierung, die enormen Zulauf bekommt, weil alle den Bedarf nach Zahlen und Zielwerten haben. Wir müssen die Handlungsfähigkeit erlangen, denn wir können nicht alles an Konsulent:innen auslagern. Wir Planenden sind es gewöhnt, die Kosten und den Kostendruck mitzudenken, aber den CO2-Druck haben wir noch nicht internalisiert. Das müssen wir aber. Diese Denkweise muss zur Normalität werden.